"Ich habe mir erstmals selbst die Frage gestellt, warum ich mir das überhaupt noch antue"
Ein Gespräch mit einem treuen und leidgeprüften KFC Uerdingen-Fan über das Trümmerfeld, das Investoren-Fußball und Misswirtschaft zurückließen.
Multi-Club Ownership, Liverpool-Millionen, Paris St. Germain als UCL-Sieger.
Der Investoren-Fußball war in der Sommerpause wieder mal in aller Munde.
Und gab seinen größten Kritikern Recht, vor allem, wenn man sich den Scherbenhaufen anschaut, der in Crystal Palace hinterlassen wurde.
Aber wir müssen gar nicht nach England oder Frankreich, Katar oder Saudi blicken, wenn wir über die Konsequenzen des ungebremsten Kapitalismus im Fußball reden.
Denn mitten im Ruhrgebiet am linken Niederrhein [Anm. d. Red. Das kommt davon, wenn man zu lange in Wien wohnt] spielte sich eine der größten Dramen der jüngeren Fußballgeschichte ab.
Ich hatte damals, Mitte der 90er, alle Bundesliga-Cola-Dosen.
Darunter: Bayer Uerdingen. Von 1983 bis 1996 war der Traditionsverein aus Krefeld mit kleineren Unterbrechungen durchgehend in der Bundesliga.
Bis sich der Bayer-Konzern vom Verein trennte und der Club, nun als KFC Uerdingen firmierend, in den Folgejahren in die Bedeutungslosigkeit des Amateurfußballs stürzte.
Vom Rückzug von Bayer als Investor (als nichts anderes kann man das Namens-Sponsoring rückblickend bezeichnen) erholte sich der Club nie. Zumindest nicht nachhaltig.
Denn in den 10er Jahren des neuen Jahrtausends gab es nach dem Einstieg eines neuen Investors ein kurzes Zwischenhoch. Der KFC Uerdingen kehrte kurz in den Profifußball zurück.
Aber dann offenbarte sich eine der Tücken des Investoren-Fußballs: Millionen allein reichen nicht für den Erfolg – und wenn ein Investor das Interesse an seinem Spielzeug verliert, kann das für den Verein katastrophal enden.
Der einstige DFB-Pokalsieger spielt seit dieser Saison in der fünftklassigen Oberliga und ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Trotzdem: Noch immer pilgern tausende treue Fans zu den Spielen.
Einer davon ist Johannes Floehr.
Ich wollte wissen: Was macht das mit einem, wenn Investoren kommen und gehen und ein Trümmerfeld zurücklassen.
Ein Gespräch.
UF: Johannes, wie ist die Gefühlslage eines leidenschaftlichen KFC Uerdingen-Fans im September 2025?
Johannes: Das letzte Spiel wurde vor 2.000 Zuschauern in der Grotenburg mit 6:1 gewonnen, insofern erstmal: Gut! Denn das Wichtigste ist ja immer noch das, was auf dem Rasen passiert. Doch zumindest bei mir hat die vergangene Saison deutliche Spuren hinterlassen. Wir hatten eine tolle, junge Mannschaft in einer attraktiven Regionalliga West, aber dass durch die Einstellung des Spielbetriebs letztlich all die Zeit, das Geld und vor allem die Emotionen, die man investiert hat, umsonst waren: Puh, das hat gesessen. Und wirkt zumindest bei mir noch nach. Nun ist die erste Saison seit vielen Jahren, in der ich mir keine Dauerkarte geholt habe. Ich sage das nicht stolz oder weil ich ein Zeichen setzen will oder so, im Gegenteil; ich bin froh um jeden, der sich gerade wie auch immer engagiert. Ich habe es aber einfach nicht übers Herz gebracht, dieses Mal zum x-ten Mal zu sagen: Schwamm drüber, dann eben wieder ein Neuanfang inklusive Vertrauensvorschuss für die neuen Leute. Aber ich will nicht jammern, denn wie ich gelesen habe, ist Bayern-Fan sein gerade auch schwierig, weil dieser eine gute Spieler woanders unterschrieben hat, oder so? Keine Ahnung.
UF: Du sprichst es an: Die unzähligen Vertrauensvorschüsse. Was war am Nackenschlag der letzten Saison anders als bei all jenen zuvor? Und die gab es ja reichlich.
Johannes: Dass wir so kurz nach der vorherigen Insolvenz schon in die nächste gehen inklusive der schon erwähnten Einstellung des Spielbetriebs ein paar Spieltage vor Saisonende. Auch wenn es bereits die fünfte Insolvenz ist, die wir in diesem Jahrtausend mitmachen, kann man sich einfach nicht daran gewöhnen, sich um die Existenz des eigenen Vereins zu sorgen. Vermutlich waren wir einer Löschung aus dem Vereinsregister auch noch nie so nah wie zuletzt. Das ging zumindest bei mir ganz schön an die mentale Gesundheit; ich gehe schon mein ganzes Leben zum KFC und kenne dort gefühlt alle vom Sehen. Es ist jetzt in der Oberliga auch wieder ein schmaler Grat: Einerseits ist man demütig und froh, dass es überhaupt weitergeht. Gleichzeitig kann diese Liga mit unserer Tradition und Fanszene auch nicht unsere sportliche Heimat sein. Das hat nun schon häufig dazu geführt, dass man sich finanziell komplett verhoben hat. Um nochmal zur letzten Saison zu kommen: Da haben wir Ex-Zweitligaspieler im Kader gehabt, gleichzeitig gab es im Winter Schlagzeilen von nicht gezahlten Aufwandsentschädigungen für Jugendtrainer. Auch städtische Mieten oder Sozialabgaben wurden ewig lange ignoriert, Briefe auf der Geschäftsstelle einfach nicht geöffnet. Da schäme ich mich als Fan für.
UF: Das klingt ein Stück weit nach Resignation. Wie viel Wut hast du noch in dir?
Johannes: Zeit für einen Klassiker: Ich bin nicht wütend, ich bin enttäuscht. Die elendige Frage, warum ich mir das überhaupt noch antue, wurde mir in diesem Sommer erstmals nicht nur von anderen, sondern auch von mir selbst gestellt. Dann hatte eine unserer Jugendmannschaften ein entscheidendes Spiel um den Aufstieg, ich hing vorm Handy am Liveticker und habe gemerkt: Das juckt mich deutlich mehr als alle anderen Fußballpartien. Schön, wenn in der Champions League oder Bundesliga ein spannendes Spiel ist oder ein Verein gewinnt, für den ich Sympathien habe. Aber wenn der KFC gewinnt, egal gegen wen und in welcher Liga, dann trägt einen das durch die ganze Woche. Da steht man dann im Supermarkt und es fällt einem wieder ein: Geil, am Wochenende 6:1 gegen Biemenhorst gewonnen! Dass man sich dennoch immer wieder in der ganzen Scheiße, die man als KFC-Fan erleben muss, suhlt, das gehört dann vielleicht auch zum Verarbeitungsprozess.
UF: Apropos ganze Scheiße, die man als KFC-Fan erleben muss: Mit Beginn der Investoren-Ära 2016 ging es zunächst erstmal aufwärts. Fast 10 Jahre später ist der Verein in einem desolaten Zustand und gefühlt dauerhaft in seiner Existenz gefährdet. Wie denkst du heute über Investoren im Fußball und hat sich deine Meinung in der vergangenen Dekade geändert?
Johannes: Als wir in der 3. Liga gespielt haben, hatte ich zum ersten Mal nach fast zwei Jahrzehnten KFC-Fandasein die Möglichkeit, Auswärtsspiele außerhalb von Nordrhein-Westfalen zu sehen. Zwischendurch, etwa in den drei Jahren in der sechsten Liga, konnte man mit dem Fahrrad zu Auswärtsspielen reisen. In einer Saison zum Beispiel haben wir nicht nur gegen die erste, sondern auch mit der zweiten Mannschaft des SV Straelen in einer Liga gespielt. Und alle vier Spiele verloren. Dass wir dann in der Sportschau zu sehen waren und ich mit meinem Verein nach Kaiserslautern, München, Karlsruhe oder Rostock fahren durfte, das fühlte sich an wie eine Belohnung für die Treue in schlechten Zeiten: Jetzt waren wir endlich mal dran! Deswegen war ich unserem Investor gegenüber leider auch relativ unkritisch damals. In der 11Freunde wurde ein kleiner Text von mir veröffentlicht, in dem ich ihn verteidigt habe: Ist mir heute sehr peinlich. Denn auch wenn es sportlich eine erfolgreiche Zeit war, wurde damals viel kaputt gemacht bzw. Chancen wurden nicht genutzt. Beispielsweise wurde ausschließlich in die erste Mannschaft, aber quasi nichts in die Infrastruktur oder die Jugend investiert. Wenn jetzt wieder jemand mit zig Millionen im Koffer vorbeikäme, ich fürchte, ich würde ihm zumindest mal zuhören, was genau seine Pläne wären. So ehrlich muss ich sein. Es dürfte allerdings keine Alleinherrschaft und keine komplette Abhängigkeit von ihm geben, siehe Ponomarev oder Bayer. Der Verein und seine Mitglieder stehen über allem. Grundsätzlich kotzt mich aber natürlich an, um wie viel Kohle es im Fußball geht. Rund um den völlig wahnsinnigen Woltemade-Transfer haben sich ja viele geäußert: JETZT ist es aber wirklich zu viel Geld, das da ausgegeben wird! Als wären nicht auch dreißig oder zwölf Millionen Euro für irgendeinen Spieler schon unverhältnismäßig viel Geld gewesen. Das, was man unter "ehrlichem" Fußball versteht, gibt es wahrscheinlich im Profifußball nicht mehr. Fußballspiele ansehen kann man sich aber ja glücklicherweise nicht nur bei Sky, Wow, Magenta und DAZN, sondern auch um die Ecke.
UF: Fühle ich sehr. Ich spüre selber, wie ich mich immer mehr von allem entfremde, was höher als die zweite Liga ist. Und daran hat der Investoren-Fußball einen gehörigen Anteil. Gleichzeitig geht es ohne externe Finanzierung kaum noch. Aber es gibt ja auch andere Modelle als Alleinherrschaft: Bei uns in Bielefeld zum Beispiel hat ein Zusammenschluss von lokalen Unternehmen dem Verein enorm geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Dieser Zusammenschluss bringt wirtschaftliche Expertise in den Verein und nimmt eine Aufsichtsfunktion wahr, ohne aber die komplette Kontrolle zu übernehmen. Wäre das Bündnis Ostwestfalen ein denkbares Modell für Uerdingen oder ist durch das Chaos der letzten Jahre in der Stadt und der heimischen Wirtschaft auch zu viel Vertrauen verloren gegangen?
Johannes: Dass ein großer Verbund regionaler Sponsoren den Verein am laufen hält ist natürlich die Idealvorstellung und wurde auch immer wieder angegangen. Das Problem in Krefeld ist, dass immer wieder neue Verantwortliche die gleichen Unternehmen abklappern und versprechen: Mit uns wird es jetzt seriös, seid doch bitte (wieder) mit an Bord. Unser Vorbild sollten daher mittelfristig Vereine wie Fortuna Köln oder Rot-Weiss Oberhausen sein: Ambitioniert und gesund Regionalliga spielen. Davon sind wir Stand jetzt noch ein gutes Stück entfernt, wir gehören in der Oberliga erstmal nicht zu den Aufstiegsaspiranten. Wenn es aber sonst noch gute Tipps aus Bielefeld gibt, her damit! Wenn wir neben Demut und Geduld eines auf jeden Fall brauchen, dann Expertise. Wir können dann im Austausch verraten, wie man es schafft, ein DFB-Pokalfinale zu gewinnen. Ist bei uns aber 40 Jahre her.
UF: Demut können wir in Bielefeld auch gebrauchen. Wir standen selber schon zu oft mit einem Fuß im Grab, um da große Töne spucken zu können, auch, wenn ich dankbar bin, dass nach den letzten Jahren vorerst Ruhe und Stabilität einkehrt. Was man als Fan eines Traditionsvereins letztlich jedem Traditionsverein wünscht, grad bei uns in NRW. Dass es dann wieder aufwärts gehen kann, zeigt Duisburg grad sehr schön. Träum doch mal kurz: Wir sprechen uns in fünf Jahren wieder – wo steht der KFC?
Johannes: Die Liga ist mir relativ egal. Hauptsache, man kann in der Grotenburg eine Mannschaft in Blau-Rot anfeuern. Langweilig wird es bei uns sowieso nie, darauf kann man sich verlassen. Und wenn wir ein paar Jahre in Folge im April noch sämtliche Spielergehälter pünktlich zahlen können, das wäre auch mal eine schöne Abwechslung. So oder so: Nur der KFC!
UF: Wir Fans glauben ja gern, dass wir das alles besser könnten. Und es gibt weltweit nicht nur zahlreiche Fan-owned Clubs, sondern auch den einen oder anderen Club, bei dem die Fans direkten Einfluss auf die Vereinsgeschäfte haben. Wäre das nicht mal was für Uerdingen? Ich sehe mich durchaus einen Zehner springen lassen, falls du ein Crowdfunding starten möchtest.
Johannes: Das Modell "Fans als Vorstand" haben wir schon ausprobiert – mit dem uerdingen-typischen Ausgang "Insolvenz". Kommt also vielleicht auch darauf an, welche Fans genau den direkten Einfluss haben. Ich, zum Beispiel, könnte es selber auch nicht besser, das ist ja das Traurige. Deinen Zehner nehmen wir aber trotzdem gerne! Dafür gibt's im Fanshop, ich habe nachgesehen, derzeit einen "POKALSIEGER 1985"-Schlüsselanhänger, Aufkleber oder einen schönen Grotenburg-Print in A4.
UF: Gekauft! Aber Spaß beiseite, Wirtschaftskompetenz muss natürlich vorhanden sein, ein YOLO-Ansatz durch die Fanbrille bringt zweifellos nichts, da sind wir uns einig. Aber glaubst du nicht auch, dass ein Community-driven Ansatz trotzdem für Clubs wie Uerdingen ein Zukunftsmodell sein könnte, siehe FC United of Manchester, siehe Hearts, siehe Austria Salzburg, siehe Exeter City FC?
Johannes: Das würde ja den aktuell existierenden Verein wieder aufspalten und das würde den Club um seine größte Stärke berauben: seine Fans. Die, die jetzt noch dabei sind - und das sind bei uns ja immer noch tausend, zweitausend Verrückte - müssen vereint mithelfen, dann braucht es so etwas gar nicht erst. Für größere Vereine wie die genannten ist das aber auf jeden Fall eine Option. Und teilweise spielen ja schon die Abspaltungen gegen das "Original" wie in Salzburg oder Porto (mit Boavista und Panteras Negras FC). Zum Thema Mitglieder/Fans, die mitgestalten sei in unserem Fall noch ergänzt: Es gab erst jahrelang keine Mitgliederversammlung, obwohl die Satzung vorsieht, dass jährlich eine abgehalten werden muss. Anfang des Jahres wurde eine abgebrochen. Dann wurden Unterschriften für zwei außerordentliche Mitgliederversammlungen gesammelt, beide Male hat das Gericht aufgrund von Anträgen des amtierenden Vorstands die Versammlungen kurzfristig gekippt. Ende Oktober kommt dann wohl der nächste Versuch. Hoffe ich zumindest, denn egal, was in einem Verein passiert: Die Mitglieder müssen eingebunden und transparent informiert werden. Das gilt für uns und alle e. V.s, die es glücklicherweise in Deutschland noch gibt.
UF: Wie wichtig ist 50:1 für den Fußball und seine Kultur?
Johannes: Für mich und alle, die das hier lesen, sehr wichtig. Für den "ganz normalen" Fußball-Konsumenten (nicht -Fan) vermutlich nicht so sehr: Der möchte mit der Premier League und anderen Geld-Rausschmeiß-Ligen "mithalten" und guckt lieber auf die Fünf-Jahres-Wertung als auf die lokalen Fußballplätze. Ich bin froh um die Fußballkultur in Deutschland, aber die Befürchtung, dass es im Fußball, wie auch in anderen Bereichen des Lebens eher schlechter als besser wird, ist natürlich da. VAR, die immer drohende Super League und alles, was die FIFA so macht. Ist ja alles Kacke. 50+1 wird fallen, wenn ein CL-Platz der Bundesliga zu wackeln droht. Merke aber gerade: Schon sehr negativ, was ich hier alles so erzähle, oder? War nicht meine Absicht! Zwischendurch fällt einem ja dann doch wieder ein, wie geil der Fußballsport ist. Braunschweig gegen Stuttgart im DFB-Pokal neulich. Grimsby Town gegen Manchester United. Oder Florian Wirtz! Dem gucke ich wahnsinnig gerne zu. Oder die Pressekonferenzen vom neuen Werder-Trainer Horst Steffen, übrigens Ex-Uerdinger. Der strahlt für mich aus: Es gibt am Samstagnachmittag nichts Wichtigeres als Fußball, sonst aber schon. Was aber nicht heißt, dass die Spieler sich nicht die Lunge aus dem Hals rennen und möglichst viel Spaß dabei haben sollen. Er ist jetzt "aus Versehen" in der Bundesliga gelandet, aber ich schätze ihn so ein, dass er auch im Amateurfußball mit exakt derselben Leidenschaft Trainer geworden wäre. Gefällt mir gut. Halt ein Typ, der für den Fußball lebt. Die wird es hoffentlich immer geben, egal, wie viel Geld noch in den schönsten Sport der Welt gepumpt wird. Was war nochmal die Frage?
Johannes Floehr ist Autor, Comedian und seit 2001 Fan eines Fußballvereins mit Weltrekord: Acht verlorene Elfmeterschießen in Folge. Die Serie läuft aktuell noch. Noch!
Weiterlesen:






