Fußball und Britpop: Eine neverending Love Story
Anlässlich des Comebacks von Oasis ist es an der Zeit, ein wenig in der Geschichte zu graben.
Dieser Text erschien ursprünglich am 4. Juli 2025 auf Englisch.
1994 passierten zwei Dinge gleichzeitig.
Ich wurde Fan von Arminia Bielefeld.
Und von Oasis.
Perfekte Kombi. Mitte der 90er. Kein Mensch in meiner Stufe mochte Arminia. Und in meiner Klasse auf der deutschen Schule war ich der einzige, der sich auch nur ansatzweise für Oasis interessierte. Der Hype, den es bei deutschen Kids kurz mal gab, verpuffte ungefähr zeitgleich mit dem Moment, in dem Wonderwall zur Radio-Epidemie mutierte.
Ich hatte mich eh schon als Kind immer irgendwie fremd gefühlt. Arminia und Oasis passten da nur zu gut ins Bild. Arminia – ein Verein, den niemand ernst nahm. Und Oasis – die perfekte Band für jemanden, der sich nirgends so richtig zugehörig fühlte.
Kaum vorstellbar heute, aber damals waren Oasis die Inkarnation der Arbeiterklasse. Bevor sie zu den völlig entkoppelten Millionären wurden, die sie heute sind, waren sie Kids aus einfachen Verhältnissen, die sich Gitarren schnappten und Hymnen schrieben.
Die Arbeiterklasse – die soll es geben, aber bitte ohne Stimme. Gesellschaftlich gern gesehen als fleißiges Fundament, aber möglichst unsichtbar dabei. Oasis waren das Gegenteil: laut, frech, rotzig, nicht zu übersehen. Klar hat das auch seine Schattenseiten, aber die sind ein anderes Thema. Für mich jedenfalls, als schüchterner, dünner Junge mit null Selbstbewusstsein, unentdecktem Autismus obendrein, war Oasis – und Liam Gallagher im Speziellen – ein leuchtender Fixstern.
Und, was für mich als Teenager nicht ganz unwichtig war: Die sahen aus wie ich. Also bevor sie sich alles wegschnibbeln ließen. Schlechte Haut, krumme Zähne, merkwürdige Frisuren. Klamotten wie vom Flohmarkt. Guns N’ Roses hätte mir meine Mutter nie erlaubt. Oasis? Sahen aus wie nette Jungs von nebenan. Da durfte ich mitmachen.
Wenn Leute wie Oasis Rockstars werden konnten – dann war für mich vielleicht auch noch nicht alles verloren.
Oasis gaben mir Halt.
Und waren mein Einstieg in das, was später Britpop genannt wurde.
Und alles fing mit einem Song an: Whatever.
Donnerstags, 20 Uhr, Radio an, Hit Shake mit Stephan Schüler. Eine Hörerchartsendung irgendwo zwischen Pop und Indie. Immer für eine Überraschung gut.
Wie an jenem Abend. Diese Streicher bei Whatever. Liebe auf den ersten Ton.
Ich bekam damals fünf Mark Taschengeld die Woche. Ein Witz im Vergleich zu meinen Klassenkameraden, die sich CDs kauften wie andere Kaugummis. Ich hab gespart. Keine SportBild, kein Lustiges Taschenbuch. Hauptsache: die Whatever-Single.
Später schenkten mir meine Eltern die Wonderwall-Maxi. Und weil ich wieder gespart hatte, kaufte ich What’s the Story (Morning Glory)?. Mein erstes Album.
Das vergisst man nicht. Das erste Album. Hat bis heute einen Platz in meinem Herzen. Und im Regal. Die CD existiert noch. Neben allen anderen, die danach kamen.
1997 – mehr Taschengeld. Release-Tag: Be Here Now. Ich kaufte es. Lars rümpfte die Nase: „Wird nie so gut wie das letzte.“ Ich wollte es nicht hören. Also hörte ich es nicht. Stattdessen zwang ich mich, das Album zu lieben. Und war irgendwann satt davon. Erst später verstand ich, was da los war – und was Noel Gallaghers einziger wirklicher Fehler war: Songs zu schreiben, die länger dauerten als ein durchschnittlicher Sommerregen.
2000 kam das nächste Album. Diesmal hatte ich echtes Geld. Ich kaufte das Album. Und Konzerttickets. Mein erstes Oasis-Konzert. ’96 hatten sie in Bielefeld im PC 69 gespielt. Ich durfte nicht hin. (Mein erstes Konzert war trotzdem Britpop: Embrace, 1998, Odeon Münster. Immer noch: ganz großes Kino.)
Schuster und ich quetschten uns in meinen Golf II und fuhren nach Köln. Schwitzten inmitten von Stuckrad-Barre, Harald Schmidt und Charlotte Roche, während Oasis ein Set voller Hits in doppelter Geschwindigkeit runterbrannten. Großartig. Unvergesslich.
Zweimal hab ich sie noch gesehen. Einmal beim Hurricane. War Mist. Liams Stimme im Eimer. Und ich hasse Festivals.
Mit der Zeit legte sich die Obsession. Mein Musikgeschmack wurde breiter. Vielleicht war’s das. Trotzdem: Ich kaufte jedes Album. Auch wenn keins je wieder so war wie die zwischen ’94 und 2000.
Als sie sich trennten, war ich traurig. Aber nicht am Boden. Immerhin: kein ewiges Abschiedstheater.
Ich bin Fan geblieben. Bis heute. Oasis ist und bleibt meine Band.
Oasis war mein Einstieg in Britpop – dieses oft belächelte, bis heute nicht klar definierte Genre. Sie waren die Ersten. Aber nicht die Letzten:
Ocean Colour Scene. Embrace. The Lightning Seeds. Suede. Pulp. The Verve. Mansun. Babybird. Reef. Travis. Ian Brown. Ash. Feeder. Shed Seven. Später: Kasabian. Editors. Keane. Placebo. The Libertines. Formal vielleicht kein Britpop. Aber im Geiste? Unbedingt. Ich hör sie immer noch. Fast täglich.
Ja. Sogar Blur.
Die Songs, die mich inspirierten: In meiner Britpop-Playlist auf Spotify – jetzt reinhören:
Und jetzt muss ich irgendwie den Bogen zum Fußball schlagen. Denn die Britpop-Fußball-Connection ist mehr als bloß zeitliches Zufallsprodukt. Blur ist ein guter Übergang.
Oder besser gesagt: Blur vs Oasis. The Battle of Britain.
Damals lief Fußball für mich vor allem über Radio. Kein Fernseher zuhause. Und so wie ich jedes Wort der Kommentatoren aufsog, hörte ich auch jeden Montag BFBS. UK Top 40. Und die große Frage:
Oasis oder Blur?
Blur gewann. Und es fühlte sich an wie eine bittere Fußballniederlage. Aber wie beim Fußball: Genau solche Niederlagen schweißen zusammen. Der Arbeiterjunge am Radio, die einst ebenfalls arbeitenden Oasis-Kids, gegen die Kunststudenten von Blur. Identitätsstiftung in Reinform.
Natürlich trug die Rivalität ihren Teil dazu bei. Klassische Fußballrivalität, bloß mit Gitarren. Und klar: Oasis liebten Fußball – öffentlich, stolz, ehrlich. Aber sie waren nicht der einzige Grund, warum Britpop und Fußball so perfekt zusammenfanden.
Viele haben darüber geschrieben.
Ich hab meine eigene Theorie. Work in progress, zugegeben, aber hier ist sie. Britpop und Fußball stellen dieselbe Frage – und geben dieselbe Antwort: Wer bin ich?
Es geht ums Dazugehören. Um Haltung. Um Trotz. In der Kleidung. In der Sprache. Im Gang. In der Art, ein Bier zu halten, eine Kippe anzuzünden oder der Welt gepflegt den Mittelfinger zu zeigen. Fußball war für uns, die nie in irgendeine Schublade passten, dasselbe: Team. Tribe. Samstag.
Oder wie Footy in the studio es nennt:
Die heilige Dreifaltigkeit Fußball-Bier-Musik war geboren.
Höhepunkt: Three Lions. Zweimal.
Und: Don’t Look Back in Anger – ZDF-Hymne zur Euro 96.
Aber Britpop war mehr als Oasis.
Jarvis Cocker – schlaksig, wütend, charmant. Common People war eine Stadionhymne mit Giftpfeilen. Die Verve? Urban Hymns klang wie der Soundtrack zum Weg vom Pub ins Stadion. Embrace. Manics. Reef. Travis. Feeder. James. Starsailor.
Und natürlich Oasis. Jeder Song ein Mitsinghit. Für Stadion, Pub und Wohnzimmer. Auch wenn du Don’t Look Back in Anger hasst – um zwei Uhr morgens, Arm in Arm mit neuen Freunden: Du singst.
Und Ian Brown? Der halbe Grund, warum ihn die Kurven liebten: Er sah aus, als könnte er einen Kopfball ins Netz und dich gleich mit ins Krankenhaus befördern. Liam Gallagher ebenso. Britpop-Style-Ikonen.
Apropos Style:
„Mod trifft Casual. Adidas-Sneaker, Fred-Perry-Hemden, Harrington-Jacken, Stone Island, CP Company, Burberry-Schals. Das war der Dresscode der Fußballterrassen – und der Britpop-Bands.
Fußballtrikots wurden zum Mode-Statement. Regionalstolz zum Anziehen. Und kein Kleidungsstück zeigt mehr, woher du kommst, als das Shirt deines Heimatvereins.”
Lange bevor PSG und Rapper das modisch machten, trugen Oasis ihr Teamshirt auf der Bühne. Liam Gallagher ist bis heute eine Stilikone.
Was heute wie selbstverständlich wirkt – Fußball & Fashion – wurde damals geboren. Britpop war der entscheidende Geburtshelfer.

Heute erleben Oasis ihr globales Revival. adidas bringt offizielles Merch raus. Lidl verkauft Liam-Gallagher-Parkas. ALDI rebrandet. Land Rover als Oasis-Mobil. Bohemians Dublin im Oasis-Kit.
Unwirklich. Aber wunderschön.
Ich hätte das nie kommen sehen. Nicht mal in den 90ern, als sie die größte Band der Welt waren. Heute sind sie in ihrer Taylor-Swift-Eras-Ära. Gen Z liebt die Band genauso wie Gen X. Männer, Frauen, Kids. Und ich gönne es ihnen. Und mir. Es ist schön, so viele neue Fans zu sehen.
Ich glaube nicht an Schicksal. Aber an gute Geschichten. Und dass Oasis ihr Comeback feiern, während Arminia in der besten Phase der Vereinsgesichte sind ist einfach… perfekt.
Es ist wieder 1994.
Das Leben ist gut.
Fußball und Britpop, bloody hell.




