Der Fußball, den du liebst, ist nicht tot. Er ist nur woanders.
Zu melodramatisch? Vielleicht. Sprechen wir uns in fünf Jahren nochmal.
Dieser Text erschien ursprünglich am 24. Juli 2025 auf Englisch.
Es ist eine Gratwanderung.
Zwischen emotionaler Sportberichterstattung und dem völlig entgleisten Storytelling, auf das wir zusteuern.
Und die Verantwortlichen bereisen diesen schmalen Grat mit der Eleganz eines Niklas Süle.
Die Premier League kündigt „Enhanced Training Sessions“ an. Die Bundesliga experimentiert mit POV-Helmkameras. Und die FIFA bringt eine Halbzeitshow zur Klub-WM – eine, nach der niemand gefragt hat. Zu einer Klub-WM, nach der ebenfalls niemand gefragt hat. Und die, glaubt man den Zahlen, auch kaum jemand geschaut hat.
Symptome nur. Nervig, ja – aber isoliert betrachtet womöglich harmlos.
Im Gesamtbild aber?
Besorgniserregend.
Wir erleben die Amerikanisierung des Fußballs. Und dabei stirbt der Fußball einen langsamen, aber überproduzierten Tod.
In dem Versuch, jede letzte Emotion aus dem Sport zu melken, alles dramatisch aufzubrezeln und so selbst den apathischsten Zuschauer bei der Stange zu halten, verwandeln Funktionäre den Fußball in ein armseliges Spektakel.
Und lassen seine echten Fans am Straßenrand stehen.
Zwischen iShowSpeed und Trump bei Pokalzeremonien sei daran erinnert:
Fußball ist von sich aus schon Drama genug.
Es gibt nichts, was man künstlich hinzufügen müsste. Kein Drehbuch, keine inszenierte Tragödie, keine gecasteten Bösewichte.
Späte Ausgleichstore. Glasklare Fehlentscheidungen. Rote Karten aus der Hölle. Choreos, die einem die Sprache verschlagen. Platzverweise, Platzstürme, Tränen, Tumulte.
Das ist alles da. Organisch.
Erinnert sich noch jemand, was Netflix mit der Formel 1 gemacht hat? Drive to survive – aus einem interessanten Sport wurde Kardashian auf Rädern, und nur noch ganz knapp davor, die WWE mit PS zu werden.
Und der Fußball? Der bewegt sich gefährlich in diese Richtung.
Macht euch bereit für:
Temptation Island: Bundesliga Edition.
The Real Roommates of Arsenal FC.
Love on the Goal Line.
Übertrieben?
Vielleicht. Sprechen wir uns in fünf Jahren wieder.
Nur so ein Gedanke am Rande: Vielleicht haben die da oben inzwischen selbst gemerkt, dass sie mit VAR und Co. so viele Emotionen abgetötet haben, dass sie nun künstlich nachhelfen müssen. So ist das eben, wenn man etwas Rohes, Emotionales sterilisiert.
Ich verstehe den Wunsch nach Veränderung. Ich arbeite seit über zwei Jahrzehnten in der Werbung, bin Creative und Cultural Strategist. Ich weiß, wie Zielgruppen sich verändern, wie Märkte sich drehen, wie sich Wahrnehmungen verschieben.
Aber nur auf Gen Z und US-Publikum zu schielen – das ist kurzsichtig.
Das Herz des Fußballs schlägt woanders.
Und wenn dieses Herz aufhört zu schlagen, bleibt nichts mehr übrig.
Ich habe darüber schon mal geschrieben: Die Kultur, die jetzt verkauft werden soll, wurde von denen geschaffen, die man gerade aus dem Stadion drängt.
Noch mal: Innovation in der Berichterstattung? Super.
Alternative Plattformen, neue Formate, gerne.
Aber zwischen „emotionaler Saison-Rückblick“ und „Wrestlemania: Champions-League-Special“ liegt ein Abgrund.
Und der Fußball ist bereits im Anlauf.
Ist der Fußball schon tot?
Noch nicht. Der Fußball, den du geliebt hast, lebt weiter – nur nicht dort, wo Sky, DAZN und FIFA ihn dir gern verkaufen würden.
Er lebt in der 2. Bundesliga. In der 3. Liga. In der Regionalliga (ohne VAR, wohlgemerkt).
Er lebt bei Lichtenberg 47 und Altona 93.
Er lebt in der Championship. In der Sunday League. Im Damenfußball, bei den Women’s Euros.
Du musst nur wissen, wo du suchen musst.
Oben, in der Beletage?
Da verabschiede ich mich jeden Tag ein bisschen mehr emotional (fairerweise muss man sagen, dass es in der Bundesliga noch nicht so schlimm ist wie in der Premier League. Aber wir bewegen uns dorthin).
Natürlich: Die Fußball-Fankultur verändert sich. Der klassische Vereinsfan ist ein Auslaufmodell. Die Generation TikTok folgt Spieler*innen, nicht Klubs.
Aber genau diese Vereinsbindung – das war es, was Fußballkultur mal ausgemacht hat.
Wo das alles hinführt? Gute Frage. Vielleicht hilft ein Blick zurück. Auf das, was uns hierhergeführt hat. Auf das, was mal war. Auf das, was wirklich zählte.
Ich habe da so ein Gefühl.
Im zweiten Teil, den du hier auf Englisch lesen kannst, gehe ich darauf ein, wie EAs FUT Fußball-Fandom für immer verändert hat.



